Die Delphi Lodge

ZEIT REISEN Oktober 13
ZEIT REISEN Oktober 13

Ob ich hier noch jemals wohnen darf, ist sehr fraglich!

Vor vielen, vielen Jahren machte ich mit der Familie Urlaub in Connemara. Sohn Johannes und ich unternahmen damals unsere ersten Angelversuche - noch mit Wurm natürlich.

Bei einem Ausflug kamen wir einmal an einem recht großen See vorbei, natürlich hatten wir sogleich die Idee, unser Angelglück hier zu versuchen! Angelsachen hatten wir stets im Auto. An so einem riesigen See dürfte doch niemand etwas dagegen haben, wenn wir ein Fischlein fangen würden. Dieses ging uns dann auch an die Angel, wohl aus Neugier, denn irische Fische sind ansonsten nur künstliche Fliegen und keine Regenwürmer gewohnt!

Also, ein schöner Tag. Herrliches Wetter, etwas Petri Heil, ein ob des Fangs glücklicher Sohn und eine Gattin, die die Lektüre ihres Buches genoss und zufrieden war, dass ihre Männer beschäftigt waren.

Dieses Glück war aber nicht von Dauer. Nach einiger Zeit stand nämlich ein stattlicher Ire hinter uns, der nach unseren Permits fragte. Als wir verlegen antworten mussten, dass wir so etwas nicht kennen würden, also auch nicht hätten, meinte der Mann, für heute wolle er es noch einmal bei einer Verwarnung belassen, bei Wiederholung drohe eine Anzeige.

Verschämt packten wir unseren Angelkram zusammen und machten uns davon. Die gefangene Forelle hatten wir zum Glück schon vorher ins Auto gebracht, damit sie in der Kühltasche frisch bliebe.

Für den Iren kam wohl noch erschwerend hinzu, dass wir mit ordinärem Wurm gefischt hatten und nicht, wie es sich gehört, mit der Fliege.

Nun der Grund, warum ich von dieser Schandtat bericht, der See an dem unser Frevel geschah, gehört zu den Gewässern der Delphi Lodge. Und der Mensch, der uns erwischt hatte, war deren Manager.

 

Mit großer Freude habe ich darum, nachdem unsere Wilderei wohl hoffentlich verjährt ist, in der jüngsten Reisebeilage der Wochenzeitung die ZEIT den Bericht über die Delphi Lodge gelesen.

Die Autorin, Else Marie Maletzke, beschreibt mit passenden Worten den Charakter der dortigen Landschaft, des Hauses und seiner Gäste. Wunderbar sind auch die Fotos von Kim Haughton.

Dabei habe ich noch etwas gelernt - über die böse Geschichte der Menschen dort, hervorgerufen durch ihre adeligen englischen Peiniger und, woher die Lodge ihren Namen hat. Der 2. Marquis of Sligo, der dieses Haus 1830 bauen ließ, war nämlich ein Bewunderer altgriechischer Altertümer. Er benannte sein Haus in Anlehnung an den heiligen Ort Delphi am Fuße des Parnassgebirges.

Die Autorin meint auch, die Lodge sei der perfekte Ort für ein Verbrechen, verwunschen und abgelegen wie er sei.

Sie hat dazu auch eine konkrete Vorstellung, wenn sie den Tag einer englischen Lady schildert, deren Gatte, erfolglos wie so oft, den Lachsen nachstellt. Sie muss sich durchs Fenster den irischen Regen ansehen, kann in der hauseigenen Bibliothek schmöker, die aber fast nur Schriften übers Angeln und das Binden von Fliegen umfasst. Ein Schläfchen in der Lounge verkürzt zwar das Warten, zuvor könnte aber auch der Plan für den Gattenmord gereift sein, ausgeführt mit Fliegenschnur und Lachshaken.

 

ZEIT Reisen Okt. 13
ZEIT Reisen Okt. 13