Die Kleine Hagia Sophia

 

In diesen Tagen wird viel über den Islam gesprochen, oft sehr kritisch. Darum will ich von einer Begebenheit berichten, die zeigt, wie freundlich und friedfertig sich der Islam auch zeigen kann.

 

Als meine Frau und ich vor einiger Zeit in Istanbul waren, riet man uns, auch die Kleine Hagia Sophia zu besuchen.

Wir taten dies an einem Nachmittag. Zunächst ruhten wir uns auf einer Bank vor der Moschee aus und betrachteten die alten Grabsteine auf dem Friedhof vor dem Gotteshaus. 

Nach und nach erschienen Männer jedes Alters und wuschen sich an einer Art Wasserstelle Gesicht und die Füsse, denn, so will es die religiöse Vorschrift, man darf nur rein zum Gebet in die Moschee gehen.

Zwischenzeitlich hatten wir die Moschee betreten. Ich machte verschiedene Fotos, woran niemand Anstoß nahm. Der Gebetsraum füllte sich und der Imam betet vor, die Gläubigen antworteten ihm. Immer noch betraten Männer die Moschee, die uns freundlich grüßten. Nein, nein, wir sollten nicht gehen und stören würden wir überhaupt nicht. So lauschten wir eine Weile den Betenden.

Besondere Fürsorge galt einem offensichtlich geistig behinderten jungen Mann, der einen besonderen Platz einnehmen durfte.

Jetzt hatten uns zwei Kinder entdeckt, etwa acht, neun Jahre alt, ein Mädchen und ein Junge. Sie deuteten mit Händen und Füßen an, dass wir ihnen folgen sollten. Sie wollten uns die Moschee zeigen. So erreichten wir auch über eine Treppe den Umgang der Etage. Von hier aus hatten wir einen besonders guten Blick auf die Kuppel, die Säulen mit ihren Verzierungen und all die schmückenden Fayencen. Ein paar Bonbons und ein kleiner Geldbetrag war der Lohn für die kleinen Führer.

Zu keiner Zeit fühlten wir uns als Touristen, die wir waren, unwohl. Wir waren überrascht von der selbstverständliche Herzlichkeit der Menschen, für die unsere Anwesenheit währen ihrer Gebete wie selbstverständlich war.

 

Die Kleine Hagia Sophia (Küçük Aya Sofya Camii) wurde von Kaiser Justinian in Gedenken an die beiden römischen Legionäre Sergios und Bacchus zwischen 527-36 errichtet und war architektonisches Vorbild der großen Schwester Hagia Sophia, einst mächtigste Kirche des frühen Christentums sowie des Byzantinischen Reichs.

Der bemerkenswerte geometrische Bauriss der Kleinen Hagia Sophia besteht aus einem zentralen achteckigen Kuppelraum, der in ein unregelmäßiges Viereck mit inneren Ecknischen eingefügt ist.

 

Auch nach der Eroberung Konstantinopels blieb die Kleine Hagia Sophia erstmal als Kirche bestehen. Unter der Herrschaft von Sultan Bayezid II. wurde sie vom Obersten der weißen Eunuchen, Hüseyin Ağa, 1504 in eine Moschee umgewandelt. Zu dieser Zeit wurde das Areal um eine Portikus und eine Koranschule (Medrese) erweitert. In den folgenden Jahrhunderten fügte man einen Vorhof mit einem Reinigungsbrunnen und einem Minarett hinzu, im Innenraum eine Gebetsnische (Mihrab) und eine Kanzel (Minbar). Das christliche Babtisterium außerhalb des Gebäudes blieb erhalten.

 

Nach umfangreichen Restaurierungsarbeiten zwischen 2002 bis 2006 wurde die Kleine Hagia Sophia der Öffentlichkeit als Moschee wieder zugänglich gemacht.