Ein paar Gedanken über das Reisen

GOTTFRIED BENN

 

Reisen

 

Meinen Sie Zürich zum Beispiel

sei eine tiefere Stadt,

wo man Wunder und Weihen

immer als Inhalt hat?

 

Meinen Sie, aus Habana,

weiß und hibiskusrot,

bräche ein ewiges Manna

für Ihre Wüstennot ?

 

Bahnhofstraßen und Rueen,

Boulevards, Lidos, Laan −

selbst auf den Fifth Avenueen

fällt Sie die Leere an −

 

Ach, vergeblich das Fahren!

Spät erst erfahren Sie sich:

bleiben und Stille bewahren

das sich umgrenzende Ich.

An anderer Stelle habe ich es schon einmal erwähnt, zum Abitur musste ich fünf Gedichte auswendig hersagen können. Eins davon war auch Gottfried Benns Reisen.

 

Vergeblich das Fahren - ist das richtig? Bringt das Reisen also nichts? Ich war damals anderer Meinung und möchte es eigentlich heute noch sein.

Andere Landschaften, Menschen, Sitten und Gebräuche kennen zu lernen, das erweitert doch den Horizont, stellt oft das Heimische in Frage, macht das eigene Denken größer.

Noch vor einigen Jahren war ein solches Reisen möglich, man konnte eintauchen in eine fremde Kulturen. Wenn man heute bedeutende Stätten, ja selbst früher einsam zu erlebende Landschaften besucht, wird man vom wahrhaften Erleben durch einen Wall von heuschreckenhaft auftretenden Touristen eingekesselt. 

Kleine Lautsprecher im Ohr, den Blick auf den emporgereckten Regenschirm des Reiseleiters gerichtet, hastet die Masse von Blickfang zu Blickfang und reisst den zaghaften Einzelreisenden mit. Die Leute sehen alles und doch nichts! Die Füße tun weh und die Jahreszahlen, Namen und Fakten gehen zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus.

Man kann sich alleine reisend versuchsweise dem widersetzen. Sucht einen anderen Ort, eine andere Landschaft auf, schon ist man wieder von der Masse der Pauschalreisenden umzingelt. Einheimische werden wie Zoowesen ausgestellt. 

Es kommt mir vor, als sei im fernen Osten eine Schleuse geöffnet worden, Massen von Asiaten bevölkern aber auch jede Gegend und jede Stadt dieser Welt, ohne auf die betreffende Kultur vorbereitet zu sein. Kirchen, so erlebt in der Wieskirche bei Steingaden, werden als abzuhakendes Highlight gesehen. Als Beweis, dass man da war, fotografiert man sich gegenseitig vor Kruzifix und Altar. Ist da noch ein kulturelles Erleben für den Alleinreisenden möglich?

Als ich mit meiner Frau in Norwegen Urlaub gemacht habe, sind wir zu einem der vielen Gletscher gewandert. Wir wollten unberührte Natur erleben. Auf dem Wege dorthin wurden wir von einer mehrere hundert Menschen umfassenden Gruppe eingeholt. Schon vorher kündigte sich diese Menschenmasse durch lautes Geschrei an. Vorbei war es mit dem Naturerlebnis. Diese Menschen gehörten zu einem Kreuzfahrtschiff, das wir zuvor im Fjord liegen gesehen hatten. Jeder hatte einen Button mit Buchstabe und Nummer auf der Brust, damit er hinterher auch in den richtigen Bus einsteigen konnte. 

Als dieser Schock bewältigt schien, kam uns eine große Reisegruppe aufgeschreckter Japaner entgegen. An die Stelle der Asiaten könnte man leicht auch Amerikaner und Osteuropäer setzen.

Letzt in Rom, mussten wir in aller Frühe aufstehen, sechs Uhr, um ohne Frühstück einigermaßen in Ruhe den Petersdom zu erleben. Wir mussten weit mit dem Bus fahren, um ursprüngliches Rom zu erleben. Ausführlich hatten wir uns mit einer Hotelangestellten beraten, wohin es dabei gehen sollte und konnte.

Nein ein solche Reisen macht keinen Spaß mehr!

Wie Recht hat Benn doch mit der Aussage der Letzten Strophe des Gedichtes - bleiben und stille bewahren das sich umgrenzende Ich.

Ein paar Beweisphotos


 

Ein kleiner Trost. Es gibt sie doch noch, wenn man sie findet, die stillen verschwiegenen Orte, auch im turbulenten Rom, unweit der Touristenmassen - zum Beispiel den Deutschen Friedhof gleich neben dem Petersdom. Kaum jemand findet hierher.